Thats Me

Jedenfalls heute. . früher stand da Dennis.


Geboren am 08.02.1990 in Kaiserslautern, männlich. So fängt jedenfalls meine Geschichte an. Trocken und Sachlich.. fast schon harmlos. Als würde danach irgendetwas Normales kommen.. Tut es aber nicht. Ich bin nicht einfach nur groß geworden, ich bin irgendwo dazwischen passiert. Zwischen Pflegefamilien, Heimen, Jugendämtern, Gruppenleitungen und irgendwelchen Erwachsenen, die ständig behauptet haben zu wissen, was gut für mich ist, obwohl keine Sau jemals gefragt hat, wie es eigentlich in meinem Kopf aussieht. Ich war immer nur das Kind, das zu laut, zu schwierig, oder zu kaputt war.. für die paar Stunden Pädagogik, die man auf mich werfen wollte, bevor der nächste meinte, ich wäre „nicht tragbar“.


Diese Worte haben sie geliebt..Nicht tragbar.. Als wäre ich kein Mensch gewesen, sondern nur irgendein Möbelstück mit gebrochenem Bein. Es gab nie irgendwo diesesAnkommen, von dem andere reden. Kein Zuhause, das nach Zuhause gerochen hat, und keine Tür, hinter der ich sicher war. Nur dieses ständige Kofferpacken.. Müllsäcke voller Klamotten, die nach fremden Waschmitteln gerochen haben, immer neue Betten, neue Regeln, neue Leute, die dich von oben bis unten mustern, als müssten sie entscheiden, ob du die Mühe überhaupt wert bist. Und du merkst irgendwann, dass sie dich alle gleich anschauen. Nicht wie ein Kind, sondern eher wie ein Problem, das Geld kostet.


Die nannten dasJugendhilfe..Hilfe. Ich kann dieses Wort bis heute kaum hören, ohne innerlich aggressiv zu werden. Weil Hilfe eigentlich bedeutet, dass dich jemand auffängt. Aber dort ging es nie darum, irgendwen aufzufangen. Es ging darum, Kinder irgendwie verwaltbar zu machen. Ruhig.. anpassbar.. funktionierend. Und wenn du das nicht warst, wenn du wütend warst oder traurig oder komplett durch den Wind, dann warst du nicht verletzt, sondernschwierig. Dann saßen da irgendwelche Erwachsenen in Besprechungen und haben über dich geredet, während du zwei Meter weiter im Flur saßt und genau hören konntest, dass sie keinen Plan hatten, was sie mit dir anfangen sollen. Ich habe früh verstanden, dass man als Heimkind kein richtiger Mensch mehr ist. Du wirst zu Seiten Papier mit Diagnosen, Einschätzungen und dummen pädagogischen Formulierungen von Leuten, die dein Leben in drei Absätze pressen wollen.

Da stehen dann Sätze drin wie„zeigt oppositionelles Verhalten“oder„massive Anpassungsschwierigkeiten“, aber niemand schreibt rein, dass du nachts wach liegst und dich fragst, warum dich eigentlich niemand behalten will. Und irgendwann frisst sich genau das in dich rein. Dieses Gefühl, dass mit dir irgendwas nicht stimmen muss. Weil Erwachsene bezahlt werden, um Kinder zu schützen, und es trotzdem keiner schafft, dass du dich irgendwo sicher fühlst. Also fängst du an zu hassen. Die Leute.. Die Häuser.. Dieses ganze scheiß System.. und irgendwann auch dich selbst. Kurz nach meinem zwölften Geburtstag kam ich von der Pflegefamilie in eine Außenwohngruppe für schwer erziehbare Jugendliche nach Welschbillig bei Trier..


Ich war der Jüngste dort zwischen Leuten, die teilweise schon siebzehn waren und aussahen, als hätten sie längst gelernt, wie man jemanden klein macht, bevor der überhaupt den Mund aufkriegt. Und ich habe ziemlich schnell verstanden, wie wenig es braucht, damit du in so einem Laden ganz unten landest. Es reicht,anderszu sein. Bei mir hat es gereicht, dass ich nicht war wie die anderen Jungs. Irgendwer hat irgendwann gesagt, ich sei schwul, und ab da war eigentlich alles entschieden. So läuft das dort. Einer sagt etwas und plötzlich glauben es alle, weil irgendwer immer schwächer sein muss als man selbst.


Danach ging das los. Erst Sprüche.. dann irgendwelche dummen Kommentare beim Essen.. Und dann fliegen Sachen nach dir. Dann wirst du geschubst, getreten, geschlagen.. immer genau dann, wenn keiner hinsieht, oder wenn die Erwachsenen so tun können, als hätten sie nichts gesehen. Später nennen Menschen sowasGruppendynamik. Ich hasse dieses Wort. Es klingt wie etwas, das halt passiert. Wie schlechtes Wetter. Aber nichts davon ist einfach passiert.. Die haben es gesehen. Natürlich haben sie das. Ich war ständig voller blauer Flecken. Ich hatte Verletzungen, kaputte Lippen, irgendwann sogar Knochenbrüche.


Und keiner kann mir erzählen, dass Erwachsenen sowas nicht auffällt. Die wollten es bloß nicht wirklich wissen, weil echtes Hinsehen bedeutet hätte, Verantwortung zu übernehmen. Also gab es stattdessen Gespräche, pädagogisches Gelaber, Protokolle und Einschätzungen. Diese ewigen sinnlosen Sitzkreise, in denen Erwachsene betroffen gucken und am Ende trotzdem alles bleibt wie vorher.


Du lernst dort irgendwann, dass du keinen Schutz hast. Dass diese ganzen Menschen, die angeblich dafür da sind, auf dich aufzupassen, eigentlich nur darauf achten, dass die Schichten irgendwie rumgehen und keiner zu viel Arbeit macht. Solange du nicht tot im Flur liegst, gilt das wahrscheinlich schon als halbwegs stabil. Und das Schlimmste ist nicht mal die Gewalt selbst. Das Schlimmste ist dieses Gefühl danach. Dass keiner kommt. Dass keiner sagt„Jetzt reicht’s“..Du sitzt da nachts mit Schmerzen im Körper und verstehst langsam, dass du komplett auf dich allein gestellt bist. Du bist eigentlich noch ein Kind, aber innerlich schon voller Hass. Irgendwann wird auch die Angst stumpf. Sie bleibt nicht zittrig und klein.. Sie fault um in etwas anderes.. Dieser Gedanke, dass es gar nicht mehr darum geht, ob es besser wird. Du willst einfach nur noch raus. Egal wie.. und ich bin rausgekommen. Ich bin abgehauen..


Ab dann hab ich auf der Straße gelebt. Ich habe andere Jugendliche gesehen, ganz normale Jugendliche. Die standen irgendwo zusammen, haben gelacht, sich über Lehrer aufgeregt oder darüber, dass sie zu spät heimkommen..Heimkommen. Allein dieses Wort hat sich für mich irgendwann angefühlt wie etwas, das nur andere Menschen bekommen. Die haben auf die Uhr geschaut und wussten, dass irgendwo Licht brennt, und dass da ein Bett ist. Vielleicht Eltern, die meckern. Vielleicht auch jemand, der fragt, wo sie waren. Für die war das normal. Für mich war das wie eine andere Welt, zu der ich keinen Zugang hatte. Ich habe gemerkt, dass ich nicht einfach nur anders bin. Ich war komplett abgeschnitten von diesem ganzen normalen Leben.

Für mich ging es nicht darum, wann ich nach Hause gehe, sondern darum, wo ich nachts nicht erfriere, nicht abgestochen werde oder nicht komplett zusammenklappe. Ich fing an, Orte zu suchen, die niemand beachtet. Hintereingänge.. Unterstände.. Irgendwelche dunklen Ecken wie die Eisenbahnbrücke in Landstuhl. Orte, an denen man nachts wenigstens halbwegs unsichtbar war. Und mit der Zeit lernst du, unsichtbar zu werden. Die Leute schauen sowieso weg. Ein dreckiges Kind mit Augenringen interessiert keinen, solange es niemanden nervt.


Irgendwann fing ich an zu klauen. Erst Kleinigkeiten wie Essen, oder irgendwas zu trinken. Dinge, die man braucht, wenn man sonst nichts hat. Aber Hunger macht etwas mit dir. Angst auch. Irgendwann reicht es nicht mehr, ein Brot einzustecken. Dann werden aus Ladendiebstählen Einbrüche. Erst die Bibliothek. Dann das Rathaus. Später Arztpraxen, Restaurants, alles Mögliche. Es wurde größer, schlimmer, hemmungsloser. Aber ehrlich? Irgendwann verschwimmt das alles. Wenn du lange genug draußen bist, verlierst du dieses Gefühl dafür, was richtig oder falsch ist. Es gibt dann nur noch Dinge, die dich irgendwie durch die nächste Nacht bringen. Und irgendwann kamen Alkohol und Drogen dazu. Nicht aus Spaß.. Nicht, weil es cool war. Ich wollte nichts erleben. Ich wollte einfach weg von mir selbst. Für ein paar Stunden nicht mehr denken. Nicht mehr fühlen. Nicht mehr dieses kaputte Kind sein, das nachts irgendwo unter einer Brücke liegt und so tut, als wäre ihm nicht kalt. Also habe ich mich abgeschossen.. immer mehr. Weil nüchtern sein irgendwann kaum noch auszuhalten war.

Und dann kam die Prostitution.. Am Anfang habe ich mir eingeredet, es wäre nur wegen des Geldes. Wahrscheinlich, weil das einfacher klingt. Klar habe ich Geld gebraucht.. Irgendwie musst du den nächsten Tag überstehen. Das Stehlen und Einbrechen war riskant. Sich an alte Kerle zu verkaufen nicht. Wenn du jung bist, alleine und draußen unterwegs, merkst du ziemlich schnell, dass es immer Männer gibt, die etwas von dir wollen. Egal wie kaputt du aussiehst. Egal wie verloren du wirkst. Vielleicht aber gerade auch deswegen.. Aber wenn ich ehrlich bin, war es nicht nur das Geld. Da war noch etwas anderes, etwas viel Dümmeres, viel Traurigeres.


Diese Männer haben mich angesehen, und in ihren Blicken war zum ersten Mal etwas, das sich für mich weiblich angefühlt hat. Nicht schön oder romantisch. Eher billig und schmutzig und trotzdem echt genug, dass ich mich daran festgehalten habe. Die wollten keine starke Person sehen, keine Überlebende, kein Heimkind, keinen Problemfall aus irgendeiner Jugendakte. Die wollten ein Mädchen. Und ich glaube, ein Teil von mir hat sich so sehr danach gesehnt, endlich als genau das gesehen zu werden, dass ich fast alles dafür in Kauf genommen habe. Das klingt wahrscheinlich komplett kaputt, aber manchmal war das Schlimmste nicht mal das, was passiert ist. Sondern wie gut sich bestimmte Momente angefühlt haben. Wenn dich jemand ansieht, als wärst du begehrenswert. Wenn dich jemand berührt, ohne dich direkt schlagen zu wollen.


Wenn da plötzlich Nähe ist, selbst wenn du genau weißt, dass sie gekauft ist. Für jemanden, der fast sein ganzes Leben nur Ablehnung gelernt hat, fühlt sich selbst falsche Nähe irgendwann wie Wärme an. Ich habe Schutz darin gesucht.. oder Aufmerksamkeit. Vielleicht sogar sowas wie Geborgenheit, auch wenn das komplett lächerlich klingt, wenn man ausspricht, worum es eigentlich ging. Aber ich war jung, kaputt und vollkommen alleine. Und wenn dich jemand nachts mitnimmt, dir Essen kauft, dich für ein paar Stunden irgendwo mit rein nimmt, dann fühlt sich das Gehirn irgendwann ein, als wäre das Fürsorge. Auch wenn du tief drinnen weißt, dass du am Ende trotzdem nur benutzt wirst. Man stumpft mit der Zeit ab. Du lernst, deinen Kopf irgendwo anders hinzuschieben, während irgendwer auf dir liegt und so tut, als würde er dich sehen. Aber manchmal gab es eben diese Sekunden dazwischen. Dieses banale Gefühl, begehrt zu werden.. weiblich zu sein.. gewollt zu sein. Und genau das macht es im Nachhinein fast noch schlimmer, weil ich mich nicht mal komplett dagegen wehren kann. Ein Teil von mir hat diese Aufmerksamkeit gebraucht wie Luft. Irgendwann musste der ganze Scheiß irgendwohin, also wurde er zu Worten, zu Texten, und schließlich auch zu meinen Büchern die ich schreibe.

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