Liebe Alice Schwarzer,

ich glaube nicht, dass viele Menschen verstehen, wie sich trans* Leben anfühlt. Wie es ist, morgens aufzuwachen und noch bevor man überhaupt Kaffee getrunken hat, zu überlegen, ob man heute stark genug ist, um das Haus zu verlassen, ob man den Blicken standhält, dem Gelächter, den vielen dummen Kommentaren, und der Möglichkeit, dass irgendein fremder Mensch wieder plötzlich entscheidet, dass man keine Person, sondern ein Problem ist. Es gibt Tage, da überlegen trans* Frauen zweimal, ob sie einkaufen gehen, ob sie alleine Bahn fahren, ob sie nachts noch kurz zur Tankstelle gehen können, oder ob sie zum Arzt gehen, weil selbst dort Blicke, Fragen oder Demütigungen warten können.. und das ist kein dramatischer Ausnahmezustand, das ist trauriger Alltag. Viele Menschen glauben, Hass beginne erst mit einem Schlag, aber das stimmt nicht. Hass beginnt in Sprache, in öffentlichen Debatten, in Artikeln, Formulierungen, und dem ständigen Wiederholen, dass trans* Frauen gefährlich, unnatürlich, verdächtig oder eine Bedrohung seien. Irgendwann sitzt genau dieser Hass auch nicht mehr nur in den Köpfen der Menschen die zuhören, sondern auch in deren Fäusten, in deren Blicken, deren Mut, jemanden anzuspucken, zu verfolgen, zusammenzutreten, oder vor eine S-Bahn zu schubsen. Trans* Frauen leben oft nicht nur mit offener Feindseligkeit, sondern mit einem dauerhaften Gefühl von Unsicherheit. Mit dem Wissen, ständig beobachtet, bewertet oder infrage gestellt zu werden. Es macht etwas mit uns, wenn wir jahrelang hören, unsere Existenz sei falsch, lächerlich oder bedrohlich. Irgendwann bleibt dieser Hass nicht mehr nur draußen in Kommentaren, Schlagzeilen oder Debatten, sondern wandert auch nach innen. In die eigene Wahrnehmung. In den eigenen Blick auf sich selbst. Ich glaube, Sie verstehen nicht, wie erschöpfend es ist, jeden Tag gegen eine Welt anzukämpfen, die einem ständig das Gefühl gibt, man müsse sich erst rechtfertigen, um überhaupt als Mensch akzeptiert zu werden. Irgendwann beginnt man, diese Stimmen auch im eigenen Kopf zu hören. Man liegt nachts wach und fragt sich, ob das jemals aufhört. Man bekommt Angst davor, überhaupt sichtbar zu sein. Man beginnt, sich selbst kleiner zu machen, leiser zu machen, unsichtbarer zu machen, nur um irgendwie halbwegs durch einen weiteren Tag zu kommen. Sie selbst haben Jahrzehnte gegen patriarchale Gewalt gekämpft, Frau Schwarzer. Gegen eine Gesellschaft, die Frauen auf ihre Körper reduziert, ihnen ihre Identität abspricht und ihnen erklärt, wie sie zu sein haben, und genau deshalb verstehe ich nicht, warum Sie nicht sehen, dass trans* Frauen heute oft unter genau denselben Mechanismen leiden. Patriarchale Gewalt bedeutet nicht nur Schläge, sie bedeutet Kontrolle mit dem Bedürfnis Menschen zu definieren, zu entscheiden, wer legitim ist, wer dazugehört, und wer Schutz verdient und wer nicht. Trans* Frauen erleben jeden Tag, was passiert, wenn öffentliche Stimmen anfangen, Menschengruppen zur Gefahr zu erklären. Wenn ständig suggeriert wird, wir seien ein Risiko, oder ihre Existenz ein Angriff auf andere Frauen. Viele Menschen lesen ihre Debatten eben nicht neutral, sie nehmen es mit nach draußen.

In Schulhöfe.
In Kneipen.
In Familien.
In Kommentarspalten.
In Umkleiden.
In Wartezimmer.
Auf Straßen.

Und dort verwandeln sich genau jene Debatten in die Realität um. Ich glaube, Sie unterschätzen, was Sprache anrichten kann, wenn sie über Jahre hinweg dazu beiträgt, dass eine Minderheit als verdächtig, oder bedrohlich wahrgenommen wird. Was diese Realität noch grausamer macht, ist die völlige Aussichtslosigkeit vieler Betroffener. Trans* Frauen werden Tag für Tag mit Feindseligkeit, Angst und öffentlicher Abwertung konfrontiert und wenn sie daran psychisch zerbrechen, gibt es oft nicht einmal Hilfe. Therapieplätze sind auf Jahre überfüllt. Krisen warten aber nicht drei Jahre, Panikattacken warten nicht drei Jahre. Nächte voller Suizidgedanken warten auch nicht drei Jahre. Viele trans* Frauen sitzen vollkommen alleine mit diesem Druck da, weil sie weder das Geld für Selbstzahlerplätze, noch die Absicherung einer privaten Versicherung haben. Während in Talkshows, Artikeln und Debatten immer weiter über unsere Existenz gestritten wird, kämpfen wir gleichzeitig darum, überhaupt lebend durch die nächste Woche zu kommen. Es ist erschütternd, wie leichtfertig Sie Worte in die Öffentlichkeit werfen, obwohl andere die Konsequenzen davon jeden einzelnen Tag psychisch und körperlich ertragen müssen. Die Suizidrate unter trans* Menschen ist erschütternd hoch, besonders unter trans Jugendlichen, die im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ein deutlich erhöhtes Risiko haben, sich das Leben zu nehmen. Aber das eigentliche Problem endet nicht dort, denn wer nicht an diesem Druck zerbricht, lebt oft trotzdem nicht frei. Sondern mit der Gewalt, den Demütigungen und dem Hass, den Sie unter anderem mit ihren Debatten mitzuverantworten haben, denn auch Dank ihnen leben Trans* Frauen in ständiger Angst vor Übergriffen, Blicken, Kommentaren oder der nächsten Situation, in der sie zur Zielscheibe werden könnten. Ich frage mich manchmal, ob ihnen all das bewusst ist, und wie sie abends weiterschlafen können, während andere nachts heulend im Badezimmer sitzen und überlegen, ob sie morgen überhaupt noch aufwachen wollen. Sie müssen mit sich selbst leben, Frau Schwarzer, aber auch mit dem Wissen, daran mitgewirkt zu haben, dass Menschen sterben.

Jessica Krämer,
alchknd.

Alice Schwarzer: Nur 0,01 Prozent der Bevölkerung sind transsexuell - queer.de

Illustration (Symbolbild), KI-generiert.